Berufliche Chancen und Perspektiven für Fachkräfte aus der Ukraine in der Grafschaft Bentheim

Jobcenter des Landkreises berichtet von aktuellen Erfahrungen

Seit dem 01. Juni 2022 haben Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine nach ihrer Registrierung Anspruch auf staatliche Grundsicherungsleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. In der Folge werden die Geflüchteten, die ihren Wohnsitz in der Grafschaft Bentheim haben, durch das Jobcenter des Landkreises Grafschaft Bentheim begleitet.

Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung des Landkreises Grafschaft Bentheim und in Zusammenarbeit mit dem Integrationszentrum des Jobcenters des Landkreises Grafschaft Bentheim veranstaltete die Wirtschaftsvereinigung Grafschaft Bentheim eine digitale Informationsveranstaltung zum Thema „Fachkräfte aus der Ukraine – berufliche Chancen und Perspektiven in der Grafschaft schaffen“.

„Wie kann es uns gelingen die Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, für unseren Arbeitsmarkt zu gewinnen? Gemeinsam mit Ihnen möchten wir gute Maßnahmen und Ideen entwickeln, die beruflichen Perspektiven in den Unternehmen der Grafschaft Bentheim aufzuzeigen“. Mit diesen Worten begrüßte Gitta Mäulen, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung, 37 Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertreter aus der Region.

Um für dieses Vorhaben eine gute Ausgangslage zu schaffen, stellten Hanadi Mislim und Mareen Schubert vom Jobcenter des Landkreises Grafschaft Bentheim ausführliche Informationen über die Menschen dar, die bisher aus der Ukraine in die Grafschaft gekommen sind. So vermittelten die beiden erste Erkenntnisse zu Qualifikationen und Sprachstand und erläuterten, welche Punkte zu bedenken sind, bevor Praktikum, Ausbildung oder Beschäftigung angestrebt werden können.

Es sind bis Juni etwa 1.200 Personen aus der Ukraine in den Landkreis Grafschaft Bentheim gekommen, die im Integrationszentrum des Landkreises Grafschaft Bentheim betreut werden. Hanadi Mislim, auch Sprachförderkoordinatorin, berichtete den Teilnehmenden zur aktuellen Situation im Integrationszentrum: „621 dieser von uns betreuten Personen, 398 erwerbsfähige zwischen 15 und 65 Jahren und 223 Kinder, erhalten aktuell Leistungen nach dem SGB II. Rund 75 % der betreuten Flüchtlinge verteilen sich auf die Städte Nordhorn, Schüttorf, Neuenhaus und Bad Bentheim.“ Etwa die Hälfte sei zwischen 26 und 45 Jahre und fast 90 % seien Frauen.

Erste Gespräche mit den ukrainischen Kriegsflüchtlingen haben im Jobcenter des Landkreises Grafschaft Bentheim nach einer intensiven Planung und Organisation von April bis Mai stattgefunden. Geführt wurden die Gespräche im Integrationszentrum, da die Geflüchteten bis zum 31.05.2022 Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezogen haben. „Die 106 Erstgespräche bis zum 31.05.2022 haben ergeben, dass keine bis kaum Deutschkenntnisse vorhanden sind. Vereinzelt wird die englische Sprache beherrscht, sodass die Kommunikation durch Dolmetscher erfolgen musste“, so Mislim. Im Ganzen seien die Ukrainerinnen und Ukrainer sehr qualifiziert, motiviert und dankbar und nehmen bereits an Sprachkursen und Sprachlernklassen teil.

In Bezug auf den Bildungsstand hob Mislim das hohe Bildungsniveau der Geflüchteten heraus. So hätten ca. 50% einen Hochschulabschluss und 25% einen anderen Berufsabschluss u.a. in der Agrarwirtschaft, in der Tiermedizin, in Gesundheitsberufen, in kaufmännischen Berufen oder im IT-Bereich. Die Personen ohne Berufsabschluss hätten Abitur oder einen Schulabschluss nach neun oder zehn Jahren. Die Dokumente zu Schul- und Berufsabschlüssen seien bei fast allen in ukrainischer und englischer Sprache vorhanden.

Im Rahmen des Integrationsprozesses, der von den Fallmanagerinnen und Fallmanagern des Jobcenter aktiv begleitet und auf Zielerreichung überprüft wird, finden Maßnahmen zum Spracherwerb sowie zur beruflichen Orientierung und Eingliederung statt. Ca. 300 ukrainische Teilnehmende nehmen bereits an kommunalen Sprach- und Integrationskursen teil. Die Sprachklassen „Berufseinstiegsschule Sprache und Integration“ bei den Berufsbildenden Schulen sind bereits angelaufen und voll besetzt. Aber auch Maßnahmen zur Bewältigung von anderen Hemmnissen können bei Bedarf der / des Einzelnen angeboten werden.

Mislim betonte, die Prämisse der weiteren Arbeit sei die langfristige und nachhaltige Integration in die Gesellschaft und in die Arbeit. „Die Zeit für „Ankommen und Einleben“ und das Erlernen der deutschen Sprache dauert erfahrungsgemäß mindestens ein Jahr“. Anschließend berichtete Mareen Schubert von den Fördermöglichkeiten des Jobcenters. So berate das Jobcenter des Landkreises Grafschaft Bentheim Arbeitgeber in Bezug möglicher Strategien für eine Ausbildungsaufnahme (Durchlaufen von Praktikum, anschließende Ausbildung), biete finanzielle Unterstützung für Sprachkurse oder unterstütze bei organisatorischen und bürokratischen Hürden.

Für die Unternehmen der Region besteht die Chance durch Praktika, Ausbildung oder Direkteinstieg sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte und Fachkräfte zu gewinnen. Herausfordernd sah Mislim derzeit noch die Schaffung von Kapazitäten für den Spracherwerb sowie die Anerkennung von Studien- und Berufsabschlüssen und Abschlussnachweisen. Für die Familienorganisation seien eine Wohnung und ein Kinderbetreuungsplatz entscheidend. Nach dem Sozialgesetzbuch II gebe es derzeit leider kein weiteres Budget für zusätzliche finanzielle Mittel. Fakt ist aber: Der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft ist offen für eine Integration geflüchteter Ukrainerinnen und Ukrainer.